In Ihrem Buch betrachten Sie die Demokratie als Regierungsform. Ein zentraler Begriff in diesem Kontext ist der des Schlechtregierens. Was verstehen Sie darunter?
Schlechtregieren heißt, Handlungs- und Entscheidungsgrundsätzen zu folgen, die keinen demokratischen Charakter haben. Heißt, ohne Absprache, ohne Anhörung der Bürgerinnen und Bürger, ohne Durchführung einer sachkundigen öffentlichen Debatte zu entscheiden. Heißt handeln, ohne Rechenschaft abzulegen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Es heißt auch, Institutionen auf intransparente Weise agieren zu lassen.
Dieses Schlechtregieren geht von einer Demokratie aus, die sich auf die bloße Legitimation durch Wahlen beschränkt. Aber eine solche Genehmigungsdemokratie, die eine »Lizenz zum Regieren« erteilt, erweist sich als verkürzt, wenn sie nicht durch eine Betätigungsdemokratie ergänzt wird, die auf Verhaltens- und Vorgehensregeln der Staatsgewalten beruht.
Die Wahlen bildeten den organisatorischen Mittelpunkt der Demokratien. Doch das reicht heute nicht mehr, angesichts des Erstarkens der Exekutive, verbunden mit dem Erfordernis, permanent auf Ereignisse zu reagieren und sich ihnen anzupassen, will man ein Land führen.
Sehen Sie darin eine Gefahr für die europäischen Demokratien?
Die Reduzierung der Demokratie auf die Legitimation durch Wahlen führt heute zur Entstehung dessen, was eigentlich ein Widerspruch in sich sein sollte, nämlich »autoritären Demokratien«. Während die Demokratie als Verfahren mit der Zunahme freier Wahlen weltweit voranschreitet, befindet sich die Demokratie als Eigenschaft der Macht auf dem Rückzug. Das wird z. B. durch Russland und die Türkei auf drastische Weise veranschaulicht. Und auch Europa ist davon mittlerweile direkt betroffen.
Diese Regression wird häufig mit dem Bekenntnis zur Notwendigkeit eines starken Staates gerechtfertigt (das mit der Glorifizierung einer ausgrenzenden Identität einhergeht). Sowie mit der populistischen Anmaßung, das Land zu verkörpern und dadurch das Repräsentationsdefizit zu beheben, das der zweite Schwachpunkt der heutigen Demokratien ist. Es ist also essentiell, heute eine Vorstellung von Demokratie zu verteidigen, die von der Art der Beziehung zwischen Regierten und Regierenden her gedacht wird.
Was sind für Sie die ersten entscheidenden Schritte auf dem Weg zu einer Betätigungsdemokratie?
Eine Betätigungsdemokratie, und das heißt auch, eine permanente Demokratie zur Absicherung der punktuellen Wahldemokratie, muss auf der Definition klarer Transparenzregeln in Bezug auf Rechenschaftspflicht, Verantwortungswahrnahme, Kontrolle, Reaktivität oder Bürgerkonsultation basieren. In diesem Bereich ist eine neue Generation von Institutionen und Praktiken zu erfinden, um eine zweite große demokratische Revolution zu vollbringen.