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Mittelweg 36, Heft 5 – Oktober/November.

Konstrukt Südeuropa

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Den Beitrag »Die Politische Ökonomie Südeuropas« von Philip Manow als Leseprobe finden Sie hier.


Philipp Müller

Raumbegehung. Zu den Verortungen Südeuropas

(...) Diese Dimension der Auseinandersetzung um Südeuropa manifestiert sich in der spezifischen Verwendung des Konzepts durch Befürworter wie Skeptiker gleichermaßen. Auffällig an der Debatte um den Charakter des Begriffs »Südeuropa« ist, dass er einer geografisch gehaltenen Bezeichnung von Merkmalen dient, die von keinem der Beteiligten aus einer bestimmten Geografie hergeleitet werden. Während andere Regionalkonzepte – etwa das des Mittelmeers – in der Forschung durchaus auf der Grundlage eines geografischen Raums konzipiert worden sind, geht heute niemand von einem determinierenden Einfluss der geografischen Lage oder Verfasstheit Südeuropas auf die wirtschaftlichen und politischen Geschicke der Region aus. Damit stellt sich die Frage, in welcher Hinsicht die mit der Verortung vorgenommenen Deutungen durch den Verweis auf den Raum Südeuropa verschoben werden. Warum von »Südeuropa« sprechen, wenn damit kein klar zu bestimmender Ort auf der europäischen Landkarte gemeint ist? (...)


Clara Maier

Gehegte Demokratie. Zur Idee des Rechtsstaats in Deutschland und Spanien

Wer von »Südeuropa« spricht, nimmt damit keine politikwissenschaftliche oder soziologische Beschreibung, sondern eine politische Zuschreibung vor. Besonders in der Eurokrise, die seit nunmehr zehn Jahren das politische Geschehen in Europa bestimmt, wurden die südeuropäischen Länder als kulturelle und politische Einheit neu zu einem Thema gemacht. PolitikerInnen verschiedenster Couleur nutzten und nutzen die gängige Gegenüberstellung von Nord- und Südeuropa zu einer vereinfachenden Moralisierung einer komplexen Gemengelage: Aus einem Problem, in dem es um widerstreitende Interessen sowie um die rechtliche und wirtschaftspolitische Verfassung Europas geht, wurde ein eingespielter Diskurs, der sich um haushälterische Tugend und Strukturreformen in den südeuropäischen Ländern dreht. (...)


Philip Manow

Die Politische Ökonomie Südeuropas. Ein Entwurf

(...) Die südeuropäische Politische Ökonomie, so die These, ist deshalb von der kontinentalen, der skandinavischen und der angelsächsischen zu unterscheiden, weil wir einen Grund angeben können, warum die Politischen Ökonomien der genannten Regionen unterschiedliche institutionelle Entwicklungspfade eingeschlagen haben: Ausschlaggebend hierfür sind als proximate cause die jeweils unterschiedlichen Nachkriegsparteiensysteme dieser vier Modelle. Und dahinter, so die These, stehen als remote cause die unterschiedlichen Konfessionsverhältnisse der europäischen Länder, die sich – in Kombination mit ihren Wahlsystemen – in unterschiedlichen parteipolitischen Koalitionen manifestierten. Das ist erklärungsbedürftig und soll im Folgenden näher erläutert werden. (...)


Wolfgang Kraushaar

Aus der Protest-Chronik: 25.-28. August 1968, Chicago

Der Konvent der Demokratischen Partei, auf dem der Gegenkandidat von Richard Nixon für die bevorstehenden US-Präsidentschaftswahlen im November des Jahres bestimmt werden sollte, war mit besonderer Spannung erwartet worden. Nach dem Attentat auf Robert F. Kennedy zwei Monate zuvor erhoffte man sich von der Nominierung des Kandidaten zugleich eine Richtungsentscheidung über die zukünftige Politik der Partei, die nicht nur in der Frage des Vietnamkriegs gespalten war. Doch schon kurz nach der Eröffnung des Konvents traten die personellen und politischen Fragen in den Hintergrund, da die Veranstaltung von schweren Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten erschüttert wurde. (...)

Martin Baumeister

Mythos, Gegenbild, Utopie. Der Süden auf der geistigen Landkarte Europas

Europäische Geschichte – dazu bedarf es keiner weit ausgreifenden Begründungen – lässt sich nicht ohne Bezugnahme auf Raumbegriffe jenseits nationalstaatlicher Grenzen und Einheiten denken. Diese Raumbegriffe sind keine »objektiven« geografischen Gegebenheiten, sondern Komponenten mentaler Landkarten, die je nach politischem, kulturellem und historischem Standort anders zugeschnitten und angeordnet werden. Es handelt sich dabei nicht um starre Kategorien, sondern um fluide Konzepte, die sich in wechselseitigen Bezügen konstituieren und variieren. Ausgehend von den zuvor skizzierten Grundannahmen will ich zunächst anhand ausgewählter historischer Etappen umreißen, wie sich die Positionierung des »Südens« auf der Kompassrose der europäischen Geschichte in den letzten zwei Jahrhunderten entwickelt hat und welche Rolle hierbei wissenschaftliche Diskurse gespielt haben. (...)


Jan-Werner Müller

Avanti dilettanti? Über »Populismen«in Südeuropa

Die Rollen scheinen klar verteilt: In Nordeuropa reüssieren seit einigen Jahren die Rechtspopulisten, in Südeuropa hingegen feiern Linkspopulisten präzedenzlose Erfolge. Wie Philip Manow im Anschluss an die Arbeiten des Wirtschaftswissenschaftlers Dani Rodrik gezeigt hat, bietet sich eine politökonomische Erklärung für diesen Gegensatz an. Demnach artikuliert sich Kritik an der Globalisierung und ihren Folgen im prosperierenden Norden vor allem in der konkreten Forderung nach weniger Migranten. Im Süden hingegen – wo die Wohlfahrtsstaaten ohnehin nicht derart ausgestaltet sind, dass jemand »in die Sozialsysteme einwandern« könnte – herrscht vor allem Unmut über die im Zuge der Eurokrise verfolgte Austeritätspolitik, die im Verdacht steht, doch nur den Interessen des Finanzkapitals zu dienen. Dieser Gegensatz scheint auf den ersten Blick plausibel. Bei näherem Hinsehen jedoch werden die vermeintlich klaren Konturen unscharf. (...)


Helen Thompson

Sündenbock und Lastenesel. Südeuropas Rolle in einer dysfunktionalen Währungsunion

Der Euro ist zur entscheidenden wirtschaftlichen und politischen Herausforderung für die Mitgliedschaft in der Europäischen Union (EU) geworden. Zugleich hat er sich zum wichtigsten Symbol der europäischen Integration entwickelt, zu jenem Projekt, dessen Scheitern die Glaubwürdigkeit der EU zerstören würde. Für die Staaten im Süden Europas bedeutete die Teilnahme an der Währungsunion sowohl eine außerordentliche Bürde als auch die Bestätigung dafür, ein »vollwertiges« europäisches Land zu sein. Dieses Spannungsverhältnis zwischen den realen Belastungen und den symbolischen Vorzügen der EU-Mitgliedschaft erklärt viel von den Schwierigkeiten, vor die der Euro die Staaten Südeuropas gestellt hat. (...)