Frantz Fanon (1925 – 1961)

Psychiater, Politiker und Schriftsteller, gilt als Vordenker der Dekolonisierung. Fanon wird 1925 auf Martinique geboren. Die schwarzen Einwohner der Insel sind zwar rechtlich gesehen Franzosen, werden jedoch von den weißen Siedlern wie Bürger zweiter Klasse behandelt. 1943 tritt er freiwillig in die französische Armee ein und erlebt auch hier Rassismus, sowohl im Ausbildungslager in französisch Marokko, als auch beim Kampf um Colmar.

1946 geht er nach Lyon um Medizin zu studieren. Nebenher besucht er Vorlesungen in Literatur und Philosophie. Sein besonderes Interesse gilt der Psychoanalyse und dem Existentialismus. 1952 erscheint sein erstes Buch »Schwarze Haut, weiße Masken«, in dem er die »neurotische Situation« der Schwarzen in einer weißen Gesellschaft analysiert. Sein Fazit: um in einer weißen Gesellschaft bestehe zu können, sind Schwarze gezwungen eine weiße Maske zu tragen. Dies führe zu einer entfremdeten Selbstwahrnehmung.

Nach seinem Abschluss zum Facharzt für psychiatrische Krankenhäuser und ersten praktischen Erfahrungen in Saint-Alban wird er 1953 Chefarzt in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses in Blida, Algerien. Als im November 1954 der Algerienkrieg ausbricht gerät Fanon in einen moralischen Zwiespalt. Einerseits ist er Angestellter des französischen Staates, andererseits sympathisiert er mit den Freiheitskämpfern. Abwechselnd behandelt er Soldaten, die von der ausgeübten Folter traumatisiert sind und die ebenfalls traumatisierten Gefolterten. Dass das Verhältnis zwischen Kolonialherren und Kolonisierten von Gewalt und Entfremdung geprägt ist und sich dies auf die Psyche beider Seiten niederschlägt, wird ihm so täglich vor Augen geführt.

1956 gibt er seine Stelle auf und wird umgehend ausgewiesen. Er geht ins Exil nach Tunis und wird Sprecher der Nationalen Befreiungsfront Algeriens (FLN). Hier lernt er Claude Lanzmann kennen, der im Sommer 1961 das Treffen mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir initiieren wird.

1960 erkrankt Fanon unheilbar an Leukämie. Drei Tage vor seinem Tod im Dezember 1961 erreicht ihn die gedruckte Ausgabe von »Die Verdammten dieser Erde« mit dem Vorwort Sartres. Algerien wird im März 1962 unabhängig, allerdings nicht als demokratisches, erneuertes und für alle offenes Land, wie Fanon es angestrebt hatte.

Claude Lanzmann (1925 –2018)

Journalist und Dokumentarfilmer, ist Ende der 1950er Jahre ein entschiedener Unterstützer der Befreiung Algeriens. Im Herbst 1960 unterzeichnet er zusammen mit Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und 118 weiteren Intellektuellen und Künstlern das sogenannte Manifest der 121, eine Deklaration des Rechts auf Dienstpflichtverweigerung im Algerienkrieg.

Kurze Zeit später reist Claude Lanzmann als Journalist nach Tunis, dem Hauptsitz der provisorischen Regierung der Algerischen Republik wie auch dem Sitz Propagandaabteilung der Nationalen Befreiungsfront Algeriens (FLN). Bei dieser Gelegenheit lernt er Frantz Fanon kennen, dessen glühender Enthusiasmus und hellsichtige Visionen für ein postkoloniales Afrika ihn zutiefst beeindrucken.

Zwischen Fanon und Lanzmann entwickelt sich ein intensiver Kontakt. So ist es auch Claude Lanzmann, der Fanons Manuskript von »Die Verdammten dieser Erde« mit der Bitte um ein Vorwort an Sartre weiterleitet.

Claude Lanzmanns Engagement für Algerien endet 1962, als der erste Präsident der Algerischen Republik, Ben Bella, ankündigte, 100.000 Soldaten zur Befreiung Palästinas bereitzustellen. Lanzmanns Glaube an ein unabhängiges Algerien ist mit seiner proisraelischen Haltung unvereinbar geworden.

Simone de Beauvoir (1908 – 1986)

Schriftstellerin und Philosophin, gründet 1945 mit Jean-Paul Sartre die Zeitschrift Les Temps modernes, die auch Artikel Frantz Fanons veröffentlicht. Sie und Sartre unterstützen Fanons Dekolonisierungsbestrebungen, zumal aus Algerien immer wieder Augenzeugenberichte über Folterungen, Plünderungen und Massaker die Redaktion erreichen.

Als 1961 die Friedensverhandlungen in Évian beginnen, die ein Jahr später den Algerienkrieg beenden werden, kommt es in Paris zu Bombenanschlägen auf die Wohnungen linker Politiker und Intellektueller. Auch Sartre wird wiederholt bedroht, weshalb beide beschließen den Sommer in Rom zu verbringen.

Dass Fanon, der gerade in Norditalien sein Rheuma behandeln lässt, seinen Besuch bei ihnen ankündigt, freut Simone de Beauvoir. Trotz ihrer Sorge um Sartre, den die langen und intensiven Gespräche während des dreitägigen Treffens erschöpfen, ist sie von Fanons Charisma eingenommen. »Von scharfem Verstand, außerordentlich lebendig, mit einem düsteren Humor begabt, hörte er nicht auf, zu erklären, zu scherzen, zu fragen, zu imitieren, zu berichten: Alles, was er erzählte, war so plastisch, dass man es hätte mit den Händen greifen können.« (Simone de Beauvoir, Der Lauf der Dinge).

Der Tod Fanons wenige Monate später berührt sie sehr. Das Ende des Algerienkrieges hingegen ernüchtert Simone de Beauvoir, da Frankreich seine Mitschuld an den in Algerien begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht bekennt und die Täter nicht zur Rechenschaft zieht.

Jean-Paul Sartre (1905 – 1980)

Dramatiker, Philosoph und Publizist, gilt als wichtigster Vertreter des Existentialismus. Während des Algerienkrieges protestiert er mehrfach gegen die Menschenrechtsverletzungen und fordert die Friedensbewegung auf, sich für die Unabhängigkeit Algeriens einzusetzen. Dadurch zieht er den Hass vieler rechtsgerichteter Franzosen auf sich.

Auch die Repressalien gegen die Unterzeichner des Manifests der 121 treffen ihn. Unter anderem werden die Räume von Les Temps modernes durchsucht, Mitarbeiter verhaftet und während einer Kundgebung in Paris skandieren 5000 ehemalige Soldaten »Sartre an die Wand«.

Die Situation in Paris wird so bedrohlich, dass Lanzmann Sartre und Beauvoir Anfang 1961 bittet ihren Aufenthalt in Brasilien zu verlängern. Nach ihrer Rückkehr über Kuba beschließen Sartre und Beauvoir deshalb nach Rom weiterzureisen, zumal Sartre aufgrund seines Amphetamin-Missbrauchs ernste gesundheitliche Probleme hat und Ruhe braucht. Das Vorwort zu Fanons »Die Verdammten der Erde« hatte er da bereits zugesagt.

Dennoch hat Sartre nie wie andere politische Aktivisten in Erwägung gezogen, selbst an der Seite der FLN zu kämpfen. Sein Engagement sollte legal bleiben und von Frankreich aus erfolgen, was Fanon trotz aller Bewunderung für Sartre stark kritisierte.

In Deutschland wird Sartres Aufforderung Fanon zu lesen, erst Mitte der 1960er Jahre von der Studentenbewegung aufgegriffen. 1965 druckt die Zeitschrift Kursbuch einen Auszug ab, ein Jahr später erscheint die vollständige Übersetzung von »Die Verdammten dieser Erde« im Suhrkamp Verlag.