1994

Ein kurzer Blick zurück auf das Gründungsjahr der Hamburger Edition: 1994 werden 41 kriegerische Auseinandersetzungen geführt, mehr als 20 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Unter katastrophalen Umständen harren die Einwohner im belagerten Sarajevo ebenso aus wie ruandische Flüchtlinge in den Lagern des benachbarten Zaire. Nach den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika wählt das Parlament Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes. In Deutschland wird Jutta Limbach die erste Frau an der Spitze des Bundesverfassungsgerichts. Die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik erleben einen Wahlmarathon mit zwanzig Urnengängen; das fünfte Kabinett Helmut Kohls als Koalition von CDU und FDP nimmt die Regierungsarbeit auf – und erweist sich schon bald als Wegbereiter des Neoliberalismus.

Ziele

Jan Philipp Reemtsma, Gründer und bis 2015 Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, entscheidet sich für die Etablierung eines dem Institut angeschlossenen Verlags. Er überträgt die Konzeption und dann die Leitung Birgit Otte, die sie bis heute innehat. Das Ziel: die öffentliche Wahrnehmung der Forschungsergebnisse des Instituts zu vergrößern und gleichzeitig in die Wissenschaft zu wirken, Impulse für historisch-gesellschaftspolitische Debatten zu geben und dem Institut neben der Zeitschrift Mittelweg 36, die bereits 1992 gegründet wurde, eine Plattform zu schaffen, die gesellschaftliche Resonanz erzeugt.

Darüber hinaus verlegt die Hamburger Edition Bücher deutscher Autorinnen und Autoren und erwirbt fremdsprachige Lizenzen. Wie bei wissenschaftlichen Publikationen üblich, sind es fast immer Titel, die subventioniert werden müssten.

Erfolgreicher Start, Debatten, Kontroversen

Die Hamburger Edition startet im Frühjahr 1995 mit neun Titeln. Das erste Verlagsprogramm nimmt bereits jene Themenschwerpunkte auf, die es fortan prägen: die Geschichte und Theorie der Gewalt, Täter-Analysen, den Zusammenhang von Modernisierung und Krieg, den Strukturwandel der Demokratien und Analysen zu sozialpolitischen Fragen.

Gleich zu Beginn bescheren die Institutsausstellungen über die Verbrechen der Wehrmacht (in der Öffentlichkeit: Wehrmachtsausstellungen) dem Verlag, in dem die Ausstellungskataloge und Bücher im Kontext der Ausstellungsthematik erscheinen, große Aufmerksamkeit. Die erste Wanderausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944« (zu sehen von 1995 bis 1999) erfährt breite Zustimmung, löst aber auch heftige Proteste und emotional geführte Debatten aus. Die völlig neu konzipierte zweite Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskriegs 1941-1944« wird von 2001 bis 2004 gezeigt. Dass die Wehrmacht als Organisation aktiv an den Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes beteiligt war, verändert den Blick auf die Wehrmacht und deren Rolle im Nationalsozialismus nachhaltig. Die Diskussionen über den Umgang mit historischen Fotografien in den Ausstellungen prägen und befördern nachhaltig die Beschäftigung mit visuellen Dokumenten in der Geschichtswissenschaft. Die beiden Ausstellungskataloge der Hamburger Edition sorgen für hohe Aufmerksamkeit und sind ein wichtiger Auftakt für die produktive Zusammenarbeit von Institut und Verlag.

Das Programm

Die Programmschwerpunkte der Hamburger Edition spiegeln das wissenschaftliche Spektrum der Institutsarbeit. Politisch relevante Themen wie Formen der vergangenen und gegenwärtigen Gewalt, Demokratie und Staatlichkeit oder auch die Struktureigentümlichkeiten des gegenwärtigen Kapitalismus stehen im Zentrum der Forschungen des Instituts und des Verlags.

Die Hamburger Edition veröffentlicht Bücher, die in der Forschungslandschaft intensive Debatten ausgelöst haben. Dazu zählt Bernd Greiners Buch »Krieg ohne Fronten« zu den strukturellen Voraussetzungen und Ursachen der Gewaltexzesse des Vietnamkrieges und Jan Philipp Reemtsmas »Vertrauen und Gewalt« oder Michael Wildts Studie »Generation des Unbedingten« über das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Wolfgang Kraushaars Arbeiten zur 68er-Bewegung und zur RAF setzen Maßstäbe in der öffentlichen Diskussion. Und sowohl Regina Mühlhäusers Buch »Eroberungen«, das die sexuellen Gewalttaten aber auch die intimen Beziehungen von Wehrmachtssoldaten an der Ostfront untersucht, wie auch Ulrike Jureits »Das Ordnen von Räumen«, das wirkmächtige räumlich-politische Ordnungsentwürfe betrachtet, sorgen für entscheidende Debatten.

Der Verlag erweitert seine thematische Ausrichtung durch deutschsprachige Originalausgaben und ins Deutsche übersetzte Lizenztitel, die zur inhaltlichen Arbeit des Instituts passen. Die fremdsprachigen Lizenzen machen ungefähr ein Drittel aller Titel aus. Die Übersetzungen der Werke des polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman, seine Beschäftigung sowohl mit dem Antisemitismus, der Postmoderne, aber auch mit Ausgrenzung und Ungleichheit begleiten die Hamburger Edition von Beginn an. Wichtige Werke wie z. B. die Untersuchung des Genozids in Ruanda durch Alison Des Forges, Rogers Brubakers Analyse der »Ethnizität ohne Gruppen« oder Randall Collins Studie über »Dynamik der Gewalt« wurden auf Deutsch zugänglich gemacht. Darüber hinaus verlegt die Hamburger Edition vor allem französische Forscherinnen und Forscher wie Catherine Colliot-Thélène, Robert Castel, François Bourguignon, Luc Boltanski oder François Dubet, deren Bücher in der Hamburger Edition erstmals auf Deutsch erschienen sind. Die wichtigen Bücher des französischen Historikers Pierre Rosanvallon akzentuieren Fragen der demokratischen Legitimation. Rosanvallon wird 2016 mit dem Bielefelder Wissenschaftspreis im Gedenken an Niklas Luhmann geehrt.

Die Reihen

Die »kleine reihe« der Hamburger Edition greift durchaus große Fragen auf – die Bände im Jackentaschenformat skizzieren politische Debatten, sie reinterpretieren Theorien oder setzen historische Thesen in einen überraschenden Bezug zur Moderne. Die inzwischen fast 30 Bände bieten kurze Interventionen zum Wachstum im digitalen Kapitalismus, einem Leben in Ungewissheit, zu Problemen wie der Zulässigkeit der Folter im Rechtsstaat oder zum Maßstab der Gerechtigkeit angesichts wachsender globaler Ungleichheit.

Die »Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts«, herausgegeben von Jörg Baberowski, Bernd Greiner und an seiner statt dann Stefanie Schüler-Springorum, und Michael Wildt, stellen Forschungsergebnisse jüngerer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor. Die Monografien analysieren anhand von Phänomenen in totalitären Systemen wie dem Stalinismus, dem Nationalsozialismus, von Autokratien und nicht zuletzt auch von Demokratien die Dynamik von Gewaltsituationen.

Die Zeitschrift Mittelweg 36

Neben der Hamburger Edition ist am Hamburger Institut für Sozialforschung ein weiteres Publikationsmedium angesiedelt: der Mittelweg 36. Die seit mehr als einem Vierteljahrhundert alle zwei  Monate erscheinende Zeitschrift bildet eine feste Größe im deutschen Blätterwald. Mit ihren kompetenten geschichts- und sozialwissenschaftlichen Analysen initiiert und begleitet sie intellektuelle Debatten von Belang. Die räumliche, insbesondere aber die thematische Nachbarschaft von Verlag und Zeitschrift begünstigen wechselseitige inhaltliche Anregungen, bei denen die Vorzüge der unterschiedlichen Erscheinungszyklen beider Medien zum Tragen kommen.
Jüngstes Beispiel für diese Art von inhaltlicher Bezugnahme ist das Doppelheft 1-2/2019 des Mittelweg 36, das unter dem Titel »Im Brennglas der Situation« neue Ansätze in der Gewaltsoziologie verhandelt und sich unter anderem mit den Forschungen von Randall Collins auseinandersetzt, dessen Buch »Dynamik der Gewalt« in deutscher Übersetzung in der Hamburger Edition erschienen ist.

Primat der Qualität

Seit der Gründung der Hamburger Edition ist die Anzahl der jährlich veröffentlichten Bücher konstant. Jedes Buch wird intensiv betreut – was in Zeiten zurückgehender Umsätze in der Verlagsbranche keineswegs selbstverständlich ist. Veröffentlichungstermine sind verlässlich. Die Backlist wird gepflegt. Die enge Abstimmung mit den Autorinnen und Autoren sowohl beim Lektorat als auch bei der Titelfindung oder der Buchgestaltung gehören zum Verlagsalltag. Hinzu kommen eine erfahrene Herstellung, ein versierter Vertrieb und ein kreativer Grafiker. Viele Titel der Hamburger Edition erscheinen als Lizenzausgaben in englischsprachigen, ebenso wie z.B. in russischen, spanischen, japanischen oder koreanischen Verlagen.

Bislang erweist sich der Verlag als ebenso wandlungsfähig wie das Medium Buch. Angesichts der Digitalisierung und veränderter Lesegewohnheiten entwickelt er zukunftsgerechte Vertriebs- und Marketingaktivitäten und nutzt soziale Medien, um das Lesepublikum zeitnah über Titel und Themen zu informieren. Alle Bücher erscheinen auch in elektronischer Form.

Was kommt

Die Hamburger Edition, die Zeitschrift Mittelweg 36 wie auch das Hamburger Institut für Sozialforschung werden auch in den kommenden Jahren unabhängig von Drittmittelzwängen und politischen Vorgaben agieren. Inhaltlich bestimmend bleibt der Dialog zwischen der Soziologie, der Geschichtswissenschaft und der Politischen Wissenschaft.

Es ist und bleibt unser Ziel, mit unseren Büchern eine politisch interessierte und kritische wissenschaftliche aber auch allgemeine Öffentlichkeit zu erreichen. Denn darum geht es: Nachdenken über Vergangenes, Reflexion der Gegenwart und Diskussion unterschiedlicher Blicke auf die Zukunft.