Heft 4 - August/September 2018

Grauzonen. Über sexuelle Gewalt

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Laura Wolters

Editorial

»Wer unter der gegebenen Alternative, Sex oder Gewalt, versucht, sexuelle Gewalt zu definieren, handelt sich sofort die extrem komplizierte Frage ein, was eigentlich das Gewalthafte, was demgegenüber das Sexuelle und was schließlich genau die Verletzung sei, die durch sexuelle Gewalt verursacht werde. In den diesbezüglichen Debatten der jüngeren Vergangenheit hat sich die Mehrzahl der ausgearbeiteten Antworten am Konzept des Einvernehmens ausgerichtet. Tatsächlich hat es den Anschein, als betone die gesellschaftliche Sexualmoral – glücklicherweise – immer stärker die Unabdingbarkeit von wechselseitiger Zustimmung. Und auch die Entscheidung darüber, ob eventuell Gewalt im Spiel sei, macht man zunehmend von Konsensbildungen unter den Beteiligten abhängig.«

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Ann J. Cahill

Unrechter Sex. Vorüberlegungen zu einer feministischen Sexualkritik

»Eine gegebene Erfahrung als exemplarischen Fall sexueller Gewalt zu bestimmen, spiegelt nicht einfach die Welt wider, wie sie ist, sondern bringt sowohl neue Möglichkeiten hervor, wie sie andere ausschließt. Der Prozess der Definition ist ein von Grund auf sozialer, der nicht nur andere Individuen einbezieht, sondern auch andere Weisen, Erfahrungen zu machen und zu interpretieren, die sowohl kollektiv entwickelt werden als auch zutiefst politisch sind. Schließlich sollte man sich einen definitorischen Akt auch nicht als einheitlich, unabhängig und zeitlich festgelegt vorstellen. Obwohl es für die Überlebenden oft eine sie verwandelnde Erfahrung ist, ein bestimmtes Erlebnis als Akt sexueller Gewalt zu identifizieren, ist eine solche Benennung stets ein Moment innerhalb eines fortdauernden Prozesses der Bedeutungsstiftung, der häufig ausgedehnt und langwierig sein kann.«

Laura Wolters

»Und bist du nicht willig, …«. Eine gewaltsoziologische Perspektive auf sexuelle Gewalt

»Eine Soziologie der sexuellen Gewalt, die die Einwände der neueren Gewaltforschung ernst nimmt, muss sich der Schwierigkeiten bewusst werden, die in der Doppeldeutigkeit von sexuellem Akt und körperlicher Gewalt liegen. Um mich dieser Ambiguität anzunähern, möchte ich im Folgenden zwei Fragen diskutieren, die die bisherige Forschung nur unzureichend beantwortet hat. Erstens die Frage danach, was eigentlich das Spezifische an sexueller Gewalt ist, was also sexuelle Gewalttaten miteinander verbindet und was sie von anderen Gewalttaten – und nicht zuletzt von einvernehmlicher Sexualität – unterscheidet. Zweitens stellt sich die daraus abgeleitete Frage nach der Verletzung respektive dem Leid, das sexuelle Gewalt verursacht: What’s the harm in sexual violence?«

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Greta Olson

»Too white, too straight, too rich«. Ein Gespräch mit Greta Olson über #MeToo

»Der Feminismus tut sich keinen Gefallen mit einer unkritischen Haltung gegenüber #MeToo. Ein ganz grundlegendes Problem besteht doch darin, dass unter #MeToo oder in der Debatte um #MeToo zu viele Themen miteinander vermischt werden. Das reicht bis hin zu gewissen Tendenzen, #MeToo für Forderungen zu instrumentalisieren, mit denen feministische Anliegen geradezu ins Lächerliche gezogen werden. (…)Allerdings ist das eigentliche Problem an der ganzen Debatte ein grundsätzlicheres: Ihr fehlen die scharfen Konturen. Es besteht keine Klarheit mehr über den Gegenstand der Kontroversen. Bad dates und schlechter Sex werden in einen Topf geworfen mit Fällen von Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz. Das erscheint mir äußerst problematisch. Wie die Debatte teilweise geführt wird, lässt jegliche Sensibilität für nötige Differenzierungen und Nuancierungen vermissen.«

Sebastian Winter

Verdrängen, um zu herrschen. Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Betrachtung

»Die Überlegungen derer, die meinen, Männlichkeit müsse aus einem Prozess der Ablösung aus uranfänglicher mütterlicher Symbiose begriffen werden, nehmen in aller Regel keine Kenntnis von den Diskussionen in der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung. Dadurch entsteht eine gewisse Blindheit für die überindividuelle Dimension von Herrschaft im Geschlechterverhältnis. Und leider werden auch die mikrosoziologischen »Doing Gender«-Studien zur Performativität der Geschlechtlichkeit und ihrer leiblichen Verankerung hier noch zu wenig zur Kenntnis genommen. Dabei gibt es durchaus aktuelle Anschlussmöglichkeiten zwischen der Geschlechterforschung in Psychoanalyse und Sozialwissenschaften. Solche Stränge aufzugreifen und transdisziplinär zusammenzubinden, ist derzeit eine der wichtigsten theoretischen Herausforderungen der psychoanalytischen Sozialpsychologie.«

Gaby Zipfel

»Liberté, Egalité, Sexualité«

»Der angesichts der zur Debatte stehenden »Fälle« bizarr anmutenden Befürchtung, die öffentliche Skandalisierung schütte das Kind mit dem Bade aus und bedrohe das lustvoll-erotische Geschlechtergeplänkel, wäre entgegenzuhalten, dass es durchaus nicht allein darum geht, nicht tolerierbare Gewalt zu sanktionieren. Beim Kampf gegen derartige Formen von Gewaltanwendung geht es vor allem um das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, das Recht darauf, die Lust am eigenen Begehren und an Intimität genießen zu können, statt für ein fremdes, auf die Verkoppelung von Sexualität und Gewalt fixiertes Begehren herhalten zu müssen – auch wenn sich die Mär, damit verhalte es sich »in Wirklichkeit« anders, so hartnäckig zu halten weiß.«

Weitere Beiträge von Gaby Zipfel


Pascal Eitler

Die »Hölle der Lust«. Sexualisierte Gewalt innerhalb und vermittels pornografischer Bilder

»Frauen wurden in diesem Rahmen gerade nicht nur zu sexuellen Objekten, sie wurden vielmehr stärker und vielfältiger als jemals zuvor auch zu sexuellen Subjekten gemacht. Die insgesamt neuartige Darstellung trug dergestalt maßgeblich zur Herstellung eines sich wandelnden Selbstverhältnisses von Frauen bei. Sowohl in Sexmagazinen als auch und vor allem in Sexfilmen berichteten Frauen ausführlich von ihren angeblich größten Wünschen und stärksten Begierden. (…) Lust als Aufgabe ist in diesem Sinne durchaus mit Macht verknüpft, aber diese Form der Macht ist keineswegs gleichbedeutend mit Gewalt.«

Aus der Protest-Chronik: 16. Januar 1969, Prag

»Auch wenn die Namen der Nachahmer von Palach nicht so stark im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind wie derjenige der »Fackel Nummer 1«, so sind sie doch alle in der Erinnerung der Tschechen und Slowaken aufgehoben. Zumindest ist bekannt, dass Palach keineswegs der Einzige geblieben ist, der ein Signal gegen die Unterdrückung durch eine übermächtige Militärmacht gesetzt hat.«

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