Heft 2 - April/Mai 2018

Rebellenherrschaft

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Stefan Malthaner

Gewalt, Kontrolle, Legitimität

(...) Anhand des Phänomens Rebellenherrschaft lassen sich nicht nur die ambivalenten – legitimierenden ebenso wie delegitimierenden – Effekte von Gewalt untersuchen, sondern auch die Entstehung und machtprozessuale Logik von Legitimität innerhalb komplexer Beziehungsgeflechte von bewaffneten Gruppen, ihren staatlichen Widersachern und der Bevölkerung. Die Analyse lokaler Herrschaftsprozesse kann aufzeigen, wie Legitimität aus der Überlagerung unterschiedlicher Formen von Akzeptanz, Loyalität und moralischer Ordnungen, aber auch aus Abhängigkeiten und Opportunitäten entsteht, und wie sie zugleich symbolische Ressourcen und Möglichkeiten der wechselseitigen Einflussnahme erzeugt. (…)

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Niall Ó Dochartaigh

»Wir brauchen dein Auto, bitte«. Zwang und Zustimmung in den Hochburger der IRA

(…) Die meist wohldosierte Anwendung von Drohungen, mit denen die Einwilligung der Fahrzeugbesitzer erzwungen wurde, steht in merklichem Kontrast zu der überwältigenden und plötzlichen Gewalt, die die IRA in anders gelagerten Fällen anwandte, um feindliche Zielpersonen gefügig zu machen. Die Carjacker richteten sich im Allgemeinen mit einer Erklärung an die Fahrerin oder den Fahrer, der zufolge sie ein Fahrzeug für die Organisation beschlagnahmten, manchmal brachten sie ihr Ansinnen sogar in Form eines Ersuchens vor. (…) Und auch wenn sie Waffen mitführten, waren diese in der Regel nicht geladen. Es machte auch wenig Sinn, geladene Waffen bei sich zu tragen, wenn sie in Wirklichkeit niemanden erschießen konnten, der sich nicht beugte. Der Schaden für die lokale Unterstützung und Legitimität der Organisation, der daraus entstanden wäre, eine zufällig ausgewählte Zivilperson in einem solidarischen Umfeld zu töten oder ernsthaft zu verletzen, hätte den Nutzen eines so in Besitz gebrachten Fahrzeugs bei weitem überwogen. (…)

Jutta Bakonyi

Der Alltag des Krieges. Herrschaftserfahrungen in Somalia

(…) Die Untersuchung nichtstaatlicher Gewaltakteure und deren Versuche, Kontrolle über Territorien und Menschen zu erlangen und dauerhaft zu sichern, erfolgte im Kontext der in den 1990er-Jahren einsetzenden Diskussion über scheiternde oder gefährdete Staaten und die Fragilität von Staatlichkeit. Die Ungewissheit über die Zukunft des Staates übertrug sich auf die vormals eng an den Staat angelehnten Grundbegriffe des Politischen, darunter Sicherheit, Souveranität oder Staatsbürgerschaft. (…) Wie brüchig Staatlichkeit sein kann und wie wenig selbstverständlich am Staat orientierte Begriffe sind, wird am Beispiel Somalias auf extreme Weise deutlich. Der Staatsapparat ist hier nach drei Kriegsjahren bereits 1991 zusammengebrochen. Im Verlauf des bis heute andauernden Krieges traten immer wieder neue Akteure der Gewalt hinzu, und auch die jeweiligen Ziele sowie die Formen ihrer Macht- und Herrschaftsausübung haben sich erheblich gewandelt. (…)

Verwaltung sticht Religion. Dschihadistische Gewaltregime in Syrien

(…) Im Prinzip ist die dschihadistische Herrschaft das Resultat eines dynamischen Prozesses zwischen Dschihadistengruppen, Rebellenbewegungen sowie anderen oppositionellen Institutionen auf der einen Seite und denjenigen, die sie zu regieren versuchen, auf der anderen. Diese Art der Regierung geht aus einem Prozess hervor, in dem Legitimität, Autorität und Identität neu definiert werden. (…) Der Bürgerkrieg in Syrien ist ein idealer Fall, um solche Entwicklungen nachzuvollziehen. Die Fragmentierung des syrischen Territoriums – nicht nur der Gebiete, die zwischen syrischem Regime, Kurden und Oppositionellen aufgeteilt waren, sondern auch des von der syrischen Opposition kontrollierten Gebietes selbst – hat dazu geführt, dass die jeweiligen Rebellenherrschaften in den verschiedenen Regionen einen ganz unterschiedlichen Verlauf nahmen. (...)

Janina Pawelz

Fürsorge und Terror. Über Gangherrschaft in Trinidad Tobago

(…) In der vorhandenen Literatur wird das Phänomen der Rebellenherrschaft oft mit der Schwäche des Staates oder dem Versagen seiner Institutionen in Verbindung gebracht. Doch in vielen Fällen regieren Gangs nicht in Abwesenheit oder anstelle des Staates, sondern in einem ambivalenten, ineinander verwobenen Zusammenspiel mit ihm. Sie stehen gewissermaßen in einem Verhältnis der »Komplizenschaft«, wenn nicht gar in einer symbiotischen Beziehung zu den staatlichen Autoritäten; sie fungieren als »ghetto governer« oder als »Garanten lokaler Sicherheit« die in unterschiedlichen Formen mit dem Staat koexistieren oder kooperieren. (…)

Aus der Protest-Chronik: 19. Mai – 23. Juni 1960, Tokio

Vor dem Hintergrund der noch ausstehenden Ratifizierung des am 19. Januar 1960 in Washington paraphierten japanisch-amerikanischen Sicherheitsvertrages, kurz »Anpo« genannt, ist die innenpolitische Lage in Japan extrem angespannt. Weite Teile der Bevölkerung sind gegen das Vertragswerk, von dessen Inkrafttreten sie eine Einschränkung der nationalen Souveränitätsrechte und eine militärische Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten befürchten. Viele Japaner treibt zudem die Sorge um, ihr Land könne durch das Abkommen zum Komplizen »amerikanischer Abenteuer« in Korea und Südostasien werden. (…)

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