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Die Leseprobe »Für die Medeische Union.Flucht, Migration und die Ethik der Demokratie« von Oliver Marchart finden Sie hier.


Rebecca Gulowski / Martin Oppelt

Wir, neu betrachtet. Demokratische Selbstverortungen

In der in Europa nach wie vor ungebrochen anhaltenden Debatte um Flucht und Migration wird ein Aspekt selten berücksichtigt, auf den der Historiker Peter Gatrell in seiner Analyse der »Geschichtsmächtigkeit« der Migrations- und Fluchtbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts hingewiesen hat. Was uns diese heute lehrten, sei die Tatsache, dass Staatlichkeit zwar die Sozialfigur der Geflüchteten definiert, diese aber wiederum auch den Staat selbst mit konstituiert. Diese Doppelbewegung, so scheint uns, wird in Theorie und Praxis mit Blick auf den zweiten Teil selten ausbuchstabiert. Und selbst dort, wo dies explizit geschieht, zeigt sich mitunter ein problematisches Ungleichgewicht auf nur eine Seite des besagten Verhältnisses wechselseitiger Konstituierung. (...)


Oliver Marchart

Für eine Medeische Union. Flucht, Migration und die Ethik der Demokratie

(...) Die alte Ordnung ist durch die jahrzehntelange Aushöhlung der Grundlagen der Demokratie, insbesondere der öffentlichen Daseinsfürsorge und der Arbeitsrechte, im Niedergang begriffen. Autoritäre, mancherorts offen faschistische politische Kräfte beginnen in einem unvorhergesehenen Ausmaß den politischen Diskurs zu prägen. Die Gesellschaften Europas finden sich heute in einem politischen wie ökonomischen Interregnum, einer historischen Situation, die der italienische Marxist Antonio Gramsci als »organische Krise« bezeichnet hätte: »Die Krise besteht gerade in der Tatsache, daß das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.« (...)


Achille Mbembe im Interview

Körper in Bewegung

Die raison d’être heutiger Grenzen betrifft die Frage, wem die Erde gehört und wem nicht, beziehungsweise die Frage, wer das Recht und die Macht hat, über Bewegungen im Raum zu verfügen, also über Mobilität. Die im Moment stattfindende Veränderung des Kapitalismus führt nach meinem Eindruck ein ganz neues Moment mit sich, das bis dato unbekannten Weisen der Aneignung der Erde, ja der Aufteilung des gesamten Planeten Tür und Tor öffnet. Was wir mitverfolgen können, ist ein völlig neuartiger Versuch, die Erde dadurch aufzuteilen, dass – ganz so wie es Carl Schmitt bereits im Nomos der Erde formuliert hatte – unterschiedliche Staatsgebilde, Kulturen, Menschen verschoben und die Ressourcen des Planeten umgelagert werden. (...)


Wolfgang Kraushaar

Aus der Protest-Chronik: 10. April 1966, Alkmaar

Die Ostermarschbewegung, die in den Niederlanden, anders als etwa in ihrem Ursprungsland Großbritannien oder in der Bundesrepublik, bislang eher ein Schattendasein fristet und Jahr für Jahr nur wenige Menschen zu ritualisiert ablaufenden Demonstrationen auf die Straße lockt, erlebt durch die Begegnung mit dem Protestsong so etwas wie eine Frischzellenkur. (...) Im Dezember 1965 hatte sich der Amsterdamer »Provo« Rob Metz mit einem langenBrief an diverse kommunistische und anarchistische Organisationen, Gliederungen der Sozialistischen Partei sowie verschiedene Studentenverbände gewandt. Ein dreitägiger Marsch zu Ostern, so Metz, sei keine schlechte Idee, doch müsse man ihn mit einem spektakulären Ereignis verbinden. (...)

Oliver Flügel-Martinsen

Postidentitäre Demokratie

Der zeitdiagnostische Blick auf die Gegenwart evoziert das Bild einer Wiederkehr von längst überwunden Geglaubtem. Es scheinen all jene Gestalten wieder aufzutauchen, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert Bahn gebrochen und dann in die Abgründe des 20. Jahrhunderts geführt haben: übersteigerter Nationalismus, Xenophobie, chauvinistischer Geltungswille. Man darf zwar die Gegenwart nicht mit der Vergangenheit verwechseln, aber die Vergangenheit kann durchaus lehrreich für die Erkundung der Gegenwart sein. Das gilt auch für die gegenwärtigen Beziehungen zwischen kollektiven Identitäten und dem, was sie als das Andere ihrer selbst verstehen – und vielfach ausgrenzen. (...)


Julia Schulze Wessel

Grenzfigur Flüchtling. Nationale Grenzziehungen und neue Räume des Politischen

Mit dem Jahr 2015 ist in der deutschen und europäischen Öffentlichkeit eine Figur auf die politische Bühne zurückgekehrt, um die es lange Zeit still geworden war: die Figur des Flüchtlings. Dabei war das Problem von Flucht und Vertreibung vor 2015 global betrachtet mitnichten weniger drängend. Allerdings griffen bis zu den Entwicklungen, die hierzulande als »Flüchtlingskrise« thematisiert wurden, die über die Jahre immer weiter ausgebauten Grenzsicherungsmaßnahmen der Europäischen Union, sodass von den weltweit vielen Millionen an Flüchtlingen nur wenige Europa überhaupt erreichten.
Seit Jahrzehnten hatte die EU die Kontrollen der Zuwanderungs bewegungen
verschärft, sodass die Wege nach Europa immer schwieriger zu bewältigen waren und es bis heute sind – mit dem Resultat, dass das Mittelmeer mittlerweile zur tödlichsten Grenze der Welt geworden ist. (...)


Teresa Koloma Beck

Aufruf zum Aufstand. Diversität als wissenschaftliches Problem

In öffentlichen Debatten ist diversity eine Problemformel, die darauf aufmerksam macht, dass sich eine in der Gesellschaft beobachtbare Vielfalt in bestimmten Teilbereichen nicht wiederfindet. Wo diversity gesagt wird, wird Vielfalt nicht beschrieben, sondern eingefordert. In der Regel geht es um die Zusammensetzung des Personals, etwa in Organisationen oder Institutionen. (...) Begründet werden diese Forderungen in Semantiken der Gerechtigkeit. Teilhabe soll ermöglicht und Exklusion bekämpft oder verhindert werden. Dabei hat das im angelsächsischen Raum entwickelte Konzept im deutschen Kontext besondere Brisanz. Denn es will dafür sensibilisieren, dass die Gründe für Benachteiligung vielfältig sind. Neben Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung sowie Behinderung werden auch Religion und Weltanschauung sowie »ethnische Herkunft« (engl.: race) und Nationalität zu den sechs Kerndimensionen der Diversität gezählt. Damit thematisiert das Konzept Marker von Alterität, die in der deutschen Nachkriegsgesellschaft lange Zeit tabuisiert worden sind. (...)