Johannes Schwartz

»Weibliche Angelegenheiten«

Handlungsräume von KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück und Neubrandenburg

350 Seiten
ISBN 978-3-86854-316-2
Erscheint März 2018

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Die KZ-Aufseherinnen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern standen an einer entscheidenden Schnittstelle in der Befehlskette zwischen den männlichen SS-Führern und weiblichen Funktionshäftlingen. Sie waren damit wesentlich verantwortlich für die alltägliche Gewalt.

Im KZ Ravensbrück, dem größten NS-Frauenkonzentrationslager auf deutschem Gebiet, sollte die Oberaufseherin gemäß Dienstvorschrift dem Schutzhaftlagerführer »in allen weiblichen Angelegenheiten beratend zur Seite« stehen. Und laut Lagerordnung war allen KZ-Aufseherinnen »jede Misshandlung von Schutzhäftlingen« explizit verboten. Dennoch gehörte Gewalt bekanntermaßen zur alltäglichen Praxis.

Johannes Schwartz untersucht die Gewaltpraktiken von KZ- Aufseherinnen in Ravensbrück und dem Außenlager Neubrandenburg. Im Fokus stehen die Fragen, welche Handlungsräume für die Anwendung von Gewalt die Aufseherinnen jenseits von eindeutigen Anordnungen hatten und wie und wann sie diese nutzten.

Faktisch wurde die Entscheidung, Gewalt anzuwenden oder darauf zu verzichten, an sie delegiert. Ebenso wie ihre männlichen Kollegen nutzten viele KZ-Aufseherinnen die Möglichkeit, ohne Einmischung ihrer Vorgesetzten verschiedene Formen von Gewalt auszuüben – von psychisch und »sanft« bis exzessiv und unberechenbar, von instrumentell bis exemplarisch.

Anhand vielfältiger Quellen analysiert der Historiker, wie sich die Gewaltpraktiken der KZ-Aufseherinnen in die Zielsetzungen der KZ-Verwaltung und der Kriegsindustrie einfügten und so dazu beitrugen, die Herrschaft der Lagerleitung zu stabilisieren und die Arbeitsproduktivität der Häftlinge zu steigern.

Individuelle Handlungsräume und ihre Grenzen wurden aber nicht zuletzt von den Machtverschiebungen, Konkurrenzkämpfen und sozialen Beziehungen innerhalb des KZ-Lagerpersonals bestimmt. Unangetastet blieb das Machtgefälle zwischen Gefangenen und Aufseherinnen: Durch die Variabilität und Unberechenbarkeit ihrer Handlungen festigten die KZ-Aufseherinnen ihr Herrschaftsverhältnis gegenüber den weiblichen KZ-Gefangenen immer wieder von Neuem.

AutorIn/Hg.

Johannes Schwartz

Dr. phil., Historiker, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Provenienzforschung in den Museen für Kulturgeschichte und im Stadtarchiv der Landeshauptstadt Hannover. Von 2000 bis 2014 führte er Forschungs- und Ausstellungsprojekte an verschiedenen NS-Gedenkstätten durch, unter anderem an der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Er war außerdem wissenschaftlicher Mitarbeiter des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma und Leiter der Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin.

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Inhalt

Einführung    9
Theorieperspektiven und Fragestellungen    10
Materialgrundlage: Entstehungskontexte, Aufschreibepraktiken und Narrative    32
Abriss der Lagergeschichte: Ravensbrück und Neubrandenburg    55

I Rekrutierung und Ausbildung    66
Statistiken zur Herkunft und Rekrutierung    66
Freiwillige Bewerbungen    73
Werbetouren in Kriegsbetrieben    82
Die »Dienstverpflichtung«: Eine Zwangsmaßnahme des Arbeitsamtes?    85
Ausbildung zur Gewalt?    92

II Karrierewege    97
Aufstiegsmöglichkeiten    98
NSDAP-Mitgliedschaft als Karrierevoraussetzung?    103
Erster Karriereweg: Von der Zellenbau-Leiterin zur Oberaufseherin    105
Zweiter Karriereweg: Von der Arbeitsdienstführerin zur Oberaufseherin    110
Dritter Karriereweg: Von der Abteilungsleiterin zur Oberaufseherin    112
Versetzungen von Oberaufseherinnen    115
Karriereende: Entlassungen von Oberaufseherinnen    123
Die Verweigerung eines Karriereangebots: Das Beispiel Irmgard S.    129

III Führungs- und Durchsetzungspraktiken    134
»Erfahrung in fraulichen Belangen«: Die Oberaufseherin Johanna Langefeld    135
Eigensinn und Kameraderie: Machtkämpfe in Auschwitz und Ravensbrück    140
»Streng und unnachsichtig«: Herrschaftspraktiken Elsa Ehrichs in Majdanek    147
Der Pragmatismus und die soziale Vernetzung Maria Mandls    151
Die Bemühungen von Irmgard S. um Entlassung    160

IV Strafen und Gewalt im Lageralltag    164
Die Strafordnung und die Strafpraxis    165
Strafpraktiken der Oberaufseherinnen    168
Der provisorische Holz-Zellenbau    188
Der Strafblock    197
Der Stein-Zellenbau    215
Appelle    225
Der Häftlingsblock    240

V Herrschaft und Gewalt in der Textil- und Kriegsindustrie    245
Erwartete und reale Arbeitsproduktivität    246
Gewalt zur Steigerung der Arbeitsproduktivität    256
»Sanfte Gewalt« als Herrschaftspraxis    278
Verfolgung von Eigeninteressen innerhalb der SS-Hierarchie    288
Geschlechterpraktiken    295
Autotelische Gewalt    301

VI Selektion und Vernichtung    311
Die Mordaktion »14f 13«    312
Selektionen im Krankenrevier Neubrandenburgs    328
Selektionen im Ravensbrücker Hauptlager ab Januar 1945    332
Ein Import aus Auschwitz? Vernichtungsdimensionen im Uckermark-Lager   336
Resümee    348
Handlungsräume und ihre Grenzen    349
Spektren der Gewalt    353
Zwangsarbeit im Frauen-KZ    357
Geschlecht als Vorstellung und Praxis    361
NS-Diskurse und Nachkriegsnarrative    366
Gesamtfazit    369

Anhang    371
Kurzbiografien von KZ-Aufseherinnen    371
Verzeichnis der Tabellen    398
Abkürzungsverzeichnis    398
Verzeichnis der Archivalien, Archivbestände und der Literatur    400
Dank    437
Zum Autor    441

Leseprobe

Einführung

Im Zentrum der vorliegenden Studie steht die Frage, wie sich erklären oder verstehen lässt, dass sich so viele Menschen in der NS-Zeit in Europa an Disziplinierungs- und Unterdrückungspraktiken sowie an Verletzungs- und Tötungsgewalt beteiligten. Diese Thematik wird nicht abstrakt, sondern konkret am Beispiel der deutschen Aufseherinnen im »weiblichen Gefolge der Waffen-SS« im zentralen Frauen-KZ Ravensbrück und dessen größtem Außenlager in Neubrandenburg behandelt. Mit dem Akzent auf Akteurinnen richtet sich die Arbeit gegen die Tendenz in der KZ-Forschung, das Männerspezifische der Männer-KZ-Lager nicht als solches zu markieren, sondern zum Allgemeingültigen zu erklären und die Geschlechterdifferenz zu ignorieren. Darüber hinaus nimmt sie die Anregung der Alltagsgeschichte auf, die »angeblich Namenlosen« in der Geschichte, und zwar in diesem Fall die oft als homogene Einheiten dargestellten SS-Aufseherinnen und weiblichen KZ-Gefangenen in ihren unterschiedlichen sozialen Positionen, Erfahrungen, Wahrnehmungsperspektiven, Vorstellungswelten und Handlungspraktiken sichtbar zu machen. Aus der interdisziplinären Gewaltforschung werden schließlich Forschungsdiskussionen aufgenommen, die die Mehrschichtigkeit und Wechselwirkungen verschiedener Gewaltformen in den Blick nehmen.
Damit stehen folgende Fragen im Vordergrund: Welche Handlungsräume hatten SS-Aufseherinnen im Ravensbrücker Frauen-KZ? In welchen sozialen Räumen bewegten sie sich? Welche individuellen Handlungsformen waren ihnen in diesen Räumen möglich? Welche Karrieren konnten sie im KZ machen? Welche Rolle spielte Gewalt bei der Bewachung der Zwangsarbeit der weiblichen KZ-Gefangenen und für die Herstellung von Herrschaftsverhältnissen? Welche Vorstellungen von Geschlecht lassen sich in den Handlungspraktiken der SS-Aufseherinnen erkennen? Schließlich ist zu fragen, auf welcher Textgrundlage sich all diese Fragen beantworten lassen. Welche Narrative strukturierten diese Texte? Diese Fragen lassen sich in fünf Theoriediskussionen einordnen: Handlungsräume, Gewalt, Arbeit, Geschlecht und Narrativität.

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