Dave Elder-Vass

Profit und Gabe in der digitalen Ökonomie

Aus dem Englischen von Ursel Schäfer/Enrico Heinemann
340 Seiten
ISBN 978-3-86854-324-7
Erschienen September 2018

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Mit Ausbreitung der Digitalwirtschaft, die immer neue, innovative ökonomische Formen aufbietet, wird deutlich, dass die zwei idealtypischen Modellannahmen der marxistischen Tradition und der Mainstream-Ökonomie nicht mehr aufrechtzuerhalten sind.

Anhand der Beispiele Apple, Wikipedia, Google, YouTube und Facebook zeigt Elder-Vass, dass es zahlreiche Variationen kapitalistischer Wirtschaftsformen gibt, und z.B. mit Wikipedia eine Form der Gabenökonomie entstanden ist, die sich kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten entzieht.

Elder-Vass entwirft ein Konzept der politischen Ökonomie der sozialen Praktiken und zugleich der moralischen Ökonomie. Damit entwickelt er einen theoretisch und politisch radikalen Rahmen für ein pluralistisches Verständnis ökonomischer Formen, der innovativ, aktuell und von langfristiger Relevanz ist.

AutorIn/Hg.

Dave Elder-Vass

lehrt Soziologie und digitale Ökonomie an der Loughborough University in Großbritannien.

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Inhalt

Teil I    Vielfältige Ökonomien

1 Einführung    11
Eine Ökonomie unterschiedlicher Appropriationspraktiken    14
Historischer Kontext und politische Strategie    24
Auf dem Weg zu einer neuen politischen Ökonomie    29

2 Vielfältige Ökonomien    36
Einführung    36
Die Rede von der Marktwirtschaft    37
Was ist »die Wirtschaft« wirklich?    44
Die Realität der vielfältigen Wirtschaft    50
Reale Utopien    55
Schlussfolgerung    61

Teil II    Politische Ökonomie

3 Jenseits der marxistischen politischen Ökonomie    65
Einführung    65
Politische Ökonomie als Kritik    67
Produktionsweisen    77
Die Arbeitswerttheorie    87
Schlussfolgerung    98

4 Die Mainstream-Ökonomie und ihre Rivalinnen    100
Einführung    100
Die Mainstream-Ökonomie: der Kern der neoklassischen Theorie    101
Jenseits der neoklassischen Theorie    110
Mauss’ Anthropologie der Gabe    118
Die Wirtschaftssoziologie    124
Schlussfolgerung    131

5 Komplexe von Appropriationspraktiken    135
Einführung    135
Praktiken: die Grundeinheit von Wirtschaftsformen Appropriationspraktiken    143
Komplexe von Appropriationspraktiken   149
Schlussfolgerung    160

Teil III    Formen der Digitalwirtschaft

6 Digitaler Monopolkapitalismus: Apple    163
Einführung    163
Innovation und Unternehmertum     165
Präferenzielle Bindung    172
Mit geistigen Eigentumsrechten ein Monopol aufbauen    180
Mit Technik ein Monopol errichten    187
Beschäftigte und Zulieferer ausbeuten und Steuern vermeiden    191
Schlussfolgerung    199

7 Kooperative Peer-Produktion: Wikipedia    200
Einführung    200
Enzyklopädisches Wissen als digitales Geschenk    202
Wikipedia versus Encyclopædia Britannica    205
Das Schenkmodell finanzieren    211
Warum verfassen Beitragende Wikipedia-Artikel?    215
Qualität regulieren: Normen    221
Qualität durch Technik sichern    226
Leitung, Legitimität und Teilhabe    229
Schlussfolgerung    235

8 Verteilt Google Geschenke?    238
Einführung    238
Internetsuche und Werbung    239
Schenkkapitalismus?     244
Widerstand und Bindung    253
Personalisierung, Datenschutz und Macht    258
Schlussfolgerung    264

9 User-Content-Kapitalismus    267
Einführung    267
Weder Waren noch Lohnarbeit    269
Beitragende dauerhaft binden    277
Geschäfte mit nutzergenerierten Inhalten und der herkömmliche Kapitalismus    281
Das schwierige Konzept der Prosumtion    286
Werden Amateure, die Inhalte liefern, ausgebeutet?    292
Schlussfolgerung    298

10 Schluss    300
Einführung    300
Wie man Theorien über die Wirtschaft entwickelt    302
   Die Vielfalt akzeptieren    302
   Die Wirtschaft durch Versorgung definieren    303
   Appropriationspraktiken    304
   Eine moralische politische Ökonomie    306
   Eine wissenschaftliche politische Ökonomie    307
Die vielfältige Digitalwirtschaft    308
   Die digitale Gabenökonomie    309
   Die digitale Warenökonomie    311
   Die hybride Digitalwirtschaft     313
   Interagierende Wirtschaftsformen    315
Wie wir die Wirtschaft verändern können    316
   Eine Rolle für den Kapitalismus    317
   Eine Rolle für die Gabenökonomie    318
   Auf dem Weg in eine offene Zukunft    320

Literatur    323

Danksagung    342

Leseprobe

Einführung

Mehr als drei Milliarden Mal pro Tag gibt jemand einen Suchbegriff bei Google ein, und innerhalb weniger Sekunden erscheint eine Liste mit Suchbegriffen auf dem Bildschirm. Diese für die Nutzer_innen vollkommen kostenlose Dienstleistung ist mittlerweile für einen beträchtlichen Teil der Menschheit zu einer zentralen Praxis bei Arbeit und Informationsbeschaffung geworden. Aber das Geschäftsmodell der Google-Suche – wie viele andere Geschäftsmodelle in der Digitalwirtschaft – verwischt und unterwandert einige unserer wichtigsten Vorstellungen, wie die Wirtschaft funktioniert. Google verdient zwar viel Geld mit Werbeeinblendungen neben den Suchergebnissen, doch der Gedanke, dass man erfolgreich ein Geschäft betreiben kann, indem man rund einem Viertel der Menschheit eine kostenlose Dienstleistung zur Verfügung stellt, widerspricht diametral herkömmlichen ökonomischen Vorstellungen. Er läuft auch marxistischen Ideen zuwider, wonach wirtschaftlicher Wert vor allem ein Produkt von Arbeit ist: Die Bereitstellung von Suchergebnissen wie der Verkauf von Werbefläche daneben sind vollkommen automatisierte Prozesse, bei denen Computer und nicht Menschen nahezu die gesamte Verarbeitung leisten. Aber auch herkömmliche Ideen einer Gabenökonomie, die üblicherweise als Alternative zur kommerziellen Ökonomie dargestellt wird, kommen hier nicht zum Tragen, denn bei der Gabenökonomie entstehen persönliche Verbindungen auf der Grundlage wechselseitiger Verpflichtungen.

Das beste Verständnis für unsere Wirtschaft vermitteln die neoklassische Tradition, die in der Mainstream-Ökonomie vorherrscht, und die marxistische Tradition, die in der kritischen Politik dominiert. Ungeachtet individueller Abweichungen und deutlicher Unterschiede in den Details ist beiden gemeinsam, dass sie die zeitgenössische Wirtschaft als einen Monolithen betrachten: einen kapitalistischen Monolithen, der mehr oder weniger universell dadurch gekennzeichnet ist, dass Unternehmen Waren produzieren und mit Gewinn verkaufen. Aus der Sicht der neoklassischen Ökonomie ist das die effizienteste Art, wie eine Volkswirtschaft funktioniert – deshalb sollte sie auch noch in den letzten zurückgebliebenen Winkel exportiert werden. Aus typisch marxistischer Sicht ist diese Wirtschaftsordnung entfremdend und ausbeuterisch und muss darum gestürzt werden, indem die Kontrolle über den Staat übernommen und eine gänzlich andere, aber genauso monolithische Form der Wirtschaft errichtet wird.

Die reale Wirtschaft weist jedoch sehr viel mehr unterschiedliche Gesichter auf. Sie ist weder hauptsächlich kapitalistisch, wie die meisten Marxist_innen behaupten, noch hauptsächlich marktwirtschaftlich, wie die meisten Mainstream-Ökonom_innen sagen. Beide Richtungen ignorieren die großen Teile der Wirtschaft, die nicht zu ihren idealtypischen Modellen passen, aber weil ihre Modelle unser Denken so gründlich prägen, haben sie die Vielfalt erfolgreich verborgen. Das Problem ist nicht neu. Feminist_innen haben beispielsweise schon vor vielen Jahren den Blick auf die Privathaushalte gelenkt. Doch mit der Ausbreitung der Digitalwirtschaft, die immer mehr neue, innovative ökonomische Formen mit sich bringt, rückt dieses Problem stärker in den Fokus.
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