Martin H. Geyer

Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit Oder: Wer war Julius Barmat?

592 Seiten, 18 Abb.
ISBN 978-3-86854-319-3
Erscheint März 2018

Zum Buch

Der Aufstieg und Fall des jüdischen Unternehmers Julius Barmat in der Zwischenkriegszeit steht exemplarisch für die andauernden Debatten über Kapitalismus, Moral und Demokratie. Das Buch regt dazu an, den politischen Radikalismus neu zu überdenken und sich mit der heutigen Praxis des Kapitalismus und der Kapitalismuskritik auseinanderzusetzen.

Wer war dieser Julius Barmat, der am Silvestertag 1924 im noblen Schwanenwerder bei Berlin verhaftet wurde? Ein begnadeter Unternehmer, der während der englischen Blockade maßgeblich zur Lebensmittelversorgung in Deutschland beitrug, dessen Industriekonzern aber im Zuge der Währungsstabilisierung scheiterte? Oder ein betrügerischer, korrupter, »ostjüdischer« Kriegs- und Inflationsgewinnler? War er ein Agent des Kaiserreichs oder ein opportunistischer Sozialdemokrat und Förderer der Zweiten Internationale?

Die Verhaftung dieses Mannes löste einen der brisantesten deutschen Finanzskandale aus, der nicht nur die Justizbehörden, die Medien und Radikale beschäftigte, sondern auch Literaten und Theaterregisseure.

AutorIn/Hg.

Martin H. Geyer

ist Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Seine Forschungsthemen sind die Geschichte der Zwischenkriegszeit, die Entstehung des modernen Belagerungs- und Ausnahmezustands und die Zeitgeschichte seit den 1970er und 1980er Jahren.

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Inhalt

Einleitung
Julius Barmat – ein bekannter Unbekannter
    9

Kapitel 1
Grenzüberschreitung: Der Ostjude, der aus dem Westen kam
    31
Einwanderer mit wirtschaftlichen und politischen Ambitionen    32
Umstrittener Großlieferant von Lebensmitteln ins hungernde Deutschland    52
Korruptionsdebatten im Übergang vom Kaiserreich zur Republik    64

Kapitel 2
Grenzgänger des Kapitalismus in der Zeit von Hyperinflation
und Währungsstabilisierung 1923/24
    85
Ein charismatisches »Konzern-Genie«? Die Expansion des Barmat-Konzerns 1923/24    88
Ein spekulationsbereiter Partner: Die Preußische Staatsbank 98 Reichspostminister Höfle auf Abwegen    104
»Zins- und Kreditwucher«: Der Fall Jakob Michael    114
»Luftgeschäfte«: Der Fall des Waffenhändlers Iwan Kutisker     121
Zwei Interpretationen des wirtschaftlichen Grenzgängertums    129

Kapitel 3
Grenzen der politischen Moral:
Korruption und Koalitionspolitik 1925
    143
Empörung    144
Politische Systemfrage: Bürger- vs. »Barmatblock«    156
Die Skandalisierung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert    162
Kleine Geschenke und große Politik: Die »Korruption der SPD«    169

Kapitel 4
Das System schlägt zurück: Die Grenzen des
republikanischen Rechtsstaates 1926–1929
    187
Republikanische Empörungen und Gegenskandalisierungen    188
Die Disziplinierung der Staatsanwälte: Eine Kriminalgeschichte der besonderen Art     197
Vertrauenskrise der Justiz?    210
Bemühungen um politische Friedensschlüsse: Das Barmat-Urteil 1928     215

Kapitel 5
Grenzen der Repräsentation: Politisches Theater 1926–1930
    233
»Unpleasant play«: Der Kaufmann von Berlin    234
»Politische Zeitstücke« und Kapitalismus    241
Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen     250
Verfremdetes Berlin: Mahagonny und Panama    259

Kapitel 6
Grenzgänger der Vernunft:
Die Aporien des politischen Aufklärungsradikalismus
    269
»Der Michael Kohlhaas-Kampf des Bücherrevisors Lachmann«    271
Nationale Mobilisierungsstrategien des alldeutschen Verlegers Julius F. Lehmann    277
Gottfried Zarnow: Ein deutscher Émile Zola? 287 Das bittere Ende des Aufklärungsradikalismus    293

Kapitel 7
Schließungen: Krise des Kapitalismus, Maßnahmenstaat
und Ausgrenzungen 1930–1939
   299
Völkische Dialektik: »Enteignet die Fürsten. Barmat braucht Geld!«    302
Weltwirtschaftskrise: Misere des Kapitalismus und des Staates    311
Kampf gegen »Korruption« und »Volksschädlinge«    330
Radikalisierung des Maßnahmenstaates: Vermögenskonfiskation und Ausbürgerung    342

Kapitel 8
Ein grenzenloser Betrüger?
Eine transnationale Geschichte 1929–1934
   357
Börsengeschäft mit großen Folgen: Die Schweizer »Affaire Appenzell«    360
Der Betrug an der Belgischen Nationalbank    366
Französische Verschwörungsfantasien: »Les deux heimatlos« Serge Alexandre Stavisky und Julius Barmat    373
Die belgisch-holländische Ausweisungsdebatte    382
Die Grenzen der sozial-moralischen Ordnung. Ein flämischer Barmat-Roman    388

Kapitel 9
Der Aufstieg der Rexisten und die belgische »Affaire Barmat« 1934–1938
    393
Léon Degrelles Kampf gegen den »Hyperkapitalismus« und das System politico-financier    394
Die Anatomie eines Skandals    404
Ein kurzer Prozess    412

Kapitel 10
Radikalisierung und Grenzüberschreitungen 1933–1945
    417
Ausmerzung des »Barmat-Geistes«    418
Jud Süß und Der ewige Jude    423
Gewalt und Vernichtung    428

Nachbetrachtungen
Über das Verschwinden von Julius Barmat
    437

Anmerkungen    461

Anhang    541
Abkürzungsverzeichnis     541
Archive     542
Zeitungen     545
Literaturverzeichnis    546
Personen- und Sachregister    577
Dank    589

Leseprobe

Wer war Julius Barmat? Diese Frage stellte sich nicht nur das Berliner Publikum, als am Silvestertag des Jahres 1924 erste Pressemeldungen über die Verhaftung des Unternehmers erschienen und in den folgenden Tagen dann auch noch die jüngeren Brüder Herschel (Henry) und Salomon Barmat sowie Manager des Barmat-Konzerns und Beamte der Preußischen Staatsbank festgenommen wurden. Ort des polizeilichen Großeinsatzes war nicht etwa ein anrüchiger Stadtteil Berlins, sondern die im Westen der Hauptstadt idyllisch gelegene Havelhalbinsel Schwanenwerder mit ihrer Villenkolonie. Neben der Villa, in der Julius Barmat zusammen mit seiner Frau Rosa und seinem minderjährigen Sohn Louis Izaak lebte, durchsuchte die Polizei die Zentrale und verschiedene Betriebe des Barmat- Konzerns sowie die Berliner Wohnungen seiner Brüder. Die Wasserschutzpolizei und die Grenzpolizei waren ebenfalls alarmiert worden, denn es bestand der Verdacht, dass die staatenlosen Barmats, die man als ukrainische Russen mit Wohnsitz in Amsterdam, Berlin und Wien identifizierte, sich durch eine Flucht ins Ausland der Verhaftung entziehen könnten.
In der Presse zirkulierte bald der Vorwurf des Betrugs und der Bestechung, ja der Korruption im großen Stil, in die nicht nur Banker und andere Unternehmer, sondern auch Politiker verwickelt sein sollten. Letzteres hatte die erstaunlich gut informierte radikale Opposition, namentlich die kommunistische Rote Fahne und Zeitungen wie der völkisch-konservative Fridericus, schon seit Längerem kolportiert. Verkehrten nicht der Berliner Polizeipräsident Wilhelm Richter und viele einflussreiche Sozialdemokraten in den »Gemächern« des Unternehmers? Stand etwa »Ebert junior« als Privatsekretär in den Diensten Julius Barmats, oder war gar der Reichspräsident Friedrich Ebert selbst in die ganze Affäre verwickelt? Darüber hinaus gerieten die am Gendarmenmarkt gelegene Preußische Staatsbank sowie die Reichspost in den Verdacht, der »Groß-Schieberfirma Barmat« unbesehen hohe Kredite in Millionenhöhe zu »Wucher und Spekulationszwecken« gegeben zu haben. Neben Korruption und aktiver sowie passiver Bestechung war von einem Kreditbetrug großen Ausmaßes die Rede. Und nicht zuletzt: In all die umstrittenen Geschäfte sollten ganz maßgeblich sogenannte Ostjuden involviert sein.
Die Verhaftung der Barmats war das Resultat einer merkwürdigen, fast schon abenteuerlich zu nennenden Verkettung von Ereignissen, an denen diverse Akteure beteiligt waren. Auf die Barmats stieß die Staatsanwaltschaft erst über den Umweg anderer Ermittlungen, die auch in die Amtsstuben der Berliner Fremdenpolizei führten. Deren Leiter hatte den aus Litauen stammenden Geschäftsmann Iwan Kutisker, der auf die Verwertung von Militärbeständen aus dem Ersten Weltkrieg spezialisiert war, erpresst. Hierfür hatte der Beamte Informationen genutzt, die ihm wiederum Michael Holzmann, ein zweifelhafter russischer Unternehmer, zugespielt hatte. Dieser war Kutiskers früherer Geschäftspartner, stand bei ihm mit hohen Summen in der Kreide und versuchte ihn ebenfalls zu erpressen. Kutisker zeigte Holzmann jedoch an, worauf dieser seine Haut retten wollte, indem er seinerseits schwere Vorwürfe vorbrachte: Der litauische Unternehmer und Jude Kutisker habe die Preußische Staatsbank systematisch um Millionen betrogen. Nachforschungen bestätigten, dass in der Tat höchst dubiose Geschäfte getätigt worden waren. Das führte noch vor der Verhaftung der Barmats zur Festnahme Iwan Kutiskers sowie seiner beiden Söhne und mehrerer Komplizen. Nicht zu Unrecht witterte die Presse einen Skandal rund um die Staatsbank. »Wie muß es da stinken?«, mutmaßte Die Rote Fahne.

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