Hedwig Richter/Kerstin Wolff (Hg.)

Frauenwahlrecht

Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa

300 Seiten
ISBN 978-3-86854-323-0
Erschienen August 2018

Zum Buch

Der Kampf der Frauen für ihr Wahlrecht gehört zu den faszinierendsten Seiten der Demokratiegeschichte. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts eroberten sich Frauen weltweit den öffentlichen Raum, schrieben Petitionen, organisierten Demonstrationen, hielten Vorträge und schreckten auch vor Gewalt nicht zurück.

Nach und nach sorgten die Aktionen der Frauenbewegungen für ein gesellschaftliches Umdenken: Demokratie und Partizipation galt nicht länger als ein Projekt ausschließlich für Männer. Doch auch nach der Einführung des Frauenwahlrechts stellten sich weiterhin Fragen nach Gleichheit und Gleichberechtigung, nach der Begründung von Herrschaft und nach dem Sinn von Demokratie.

Die Autor_innen des Bandes zeigen aus verschiedenen Perspektiven die wechselvolle und spannende Geschichte des Frauenwahlrechts und machen eindrücklich klar, wie international die Geschichte der Demokratisierung ist.

AutorIn/Hg.

Hedwig Richter

PD Dr. phil., Historikerin. Seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe »Demokratie und Staatlichkeit« am Hamburger Institut für Sozialforschung.

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Kerstin Wolff

Dr. phil., ist seit 1999 Forschungsleiterin im Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel.

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Inhalt

Inhalt

   Hedwig Richter | Kerstin Wolff
   Demokratiegeschichte als Frauengeschichte     7

Raum – Körper – Sprechen

   Kerstin Wolff
   Noch einmal von vorn und neu erzählt. Die Geschichte
   des Kampfes um das Frauenwahlrecht in Deutschland     35

   Barbara von Hindenburg
   Politische Räume vor 1918 von späteren Parlamentarierinnen
   des Preußischen Landtags     57

   Birgitta Bader-Zaar
   Politische Rechte für Frauen vor der parlamentarischen
   Demokratisierung. Das kommunale und regionale Wahlrecht
   in Deutschland und Österreich im langen 19. Jahrhundert     77

   Marion Röwekamp
   »The double bind«.
   Von den Interdependenzen des Frauenwahlrechts
   und des Familienrechts vor und nach 1918     99

Raum – Körper – Sprechen

   Tobias Kaiser
   Die Suffragetten als »Eroberinnen« des politischen Raumes.
   Zur Bedeutung von Straße und Parlament als Orte der Politik
   in der Frauenwahlrechtsbewegung um 1900     125

   Hedwig Richter
   Reformerische Globalisierung. Neuordnungen vor dem Ersten Weltkrieg     145

   Malte König
   Frauenwahlrecht und Prostitution.
   Über die Notwendigkeit politischer Selbstvertretung     166

Raum – Körper – Sprechen

   Susanne Schötz
   Politische Partizipation und Frauenwahlrecht
   bei Louise Otto-Peters     187

   Birte Förster
   Den Staat mitgestalten.
   Wege zur Partizipation von Frauen im Großherzogtum
   und Volksstaat Hessen 1904 – 1921     221

   Lutz Vogel
   Weitgehend chancenlos.
   Landtagskandidatinnen in Sachsen 1919 – 1933     249

   Harm Kaal
   Die Stimmen der Frauen für sich gewinnen.
   Auswirkungen des Frauenwahlrechts auf
   die niederländische Wahlkultur 1922 – 1970     270

   Über die Autorinnen und Autoren     291

Leseprobe

Hedwig Richter | Kerstin Wolff
Demokratiegeschichte als Frauengeschichte

Die Geschichte der Demokratie gibt sich gerne triumphal: mit wehenden Fahnen und geballten Fäusten, über Barrikaden stiebend und Mauern einreißend. Demokratische Staaten feiern Revolutionen als ein geradezu heiliges Erbe. Der Kampf – so die Erzählung – liege der Demokratie zugrunde, weil Menschen sich nach Partizipation sehnen und mit Macht und Gewalt um ihr Mitbestimmungsrecht kämpfen. Der zentrale Topos eines globalen Demokratienarrativs lautet: Demokratiegeschichte ist ein revolutionärer Kampf von unten gegen oben, und es liegt auf der Hand, dass diese Geschichte in aller Regel eine Männergeschichte ist. Entsprechend gestaltet sich die demokratische Ikonografie. Von den europäischen Barrikaden, über die philippinischen Freiheitskämpfer, von den bewaffneten Rebellen in Kenia bis zu George Washingtons Armee – die Geschichte der Ursprünge von Demokratie präsentiert sich der Welt als eine Geschichte von Männern in Waffen und im Aufruhr. Das Gesicht des bärtigen, bewaffneten Che Guevara wird in reichen und stabilen Demokratien gerne von jungen Männern als Konterfei auf dem T-Shirt getragen: Der für bestimmte Ziele gewaltausübende Mann ist die zur Popikone komprimierte Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie. Der Fall Kuba zeigt einen weiteren Erzählstrang: Paradoxerweise sind diese fast überall anzutreffenden Demokratie- und Freiheitsgeschichten spezifisch nationale Erzählungen.

Es ist also folgerichtig, wenn die politische Ermächtigung der Hälfte der Menschheit durch das Frauenwahlrecht in vielen Demokratiegeschichten kaum der Erwähnung wert erscheint. Der Stoff passt nicht in die Erzählanordnung, nicht in das »emplotment«, um mit Hayden White zu sprechen. Allenfalls die gewalttätigen Suffragetten in Großbritannien erhalten in der globalen demokratiehistorischen Hall of Fame ein Denkmal, und sie sind es, derer in Spielfilmen mit Starbesetzungen gedacht wird. Das Bedürfnis, Demokratiegeschichte als Geschichte des gewalttätigen Kampfes zu erzählen, verleitet also dazu, ausgerechnet eine kleine Minderheit unter den Frauenrechtlerinnen in den Fokus der Geschichte des Frauenwahlrechts zu rücken. Für Deutschland wird häufig behauptet, es sei die spezifische Revolution am Ende des Ersten Weltkriegs gewesen, die das Wahlrecht hervorgebracht habe, und immer noch findet sich die Meinung, der Krieg sei der Vater des Frauenwahlrechts – womit die Bedeutung der sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts formierenden Frauenbewegung ebenso missachtet wird wie die Komplexität des ganzen Prozesses überhaupt. Die Geschichte des Frauenwahlrechts wird also, wenn sie denn Erwähnung findet, in das nationale Erzählmuster von Revolution und Krieg gepresst.

Die Beiträge in diesem Band erzählen andere Geschichten, denn die Einführung des Frauenwahlrechts zwingt dazu, alte Narrative zu überdenken und den Blick zu weiten. Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes zeigen dies quellengesättigt und an konkreten Beispielen.
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Termine

Kassel, Archiv der deutschen Frauenbewegung, 20. September 2018

Kerstin Wolff: Frauenwahlrecht
Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa

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