Harriet Scharnberg

Die »Judenfrage« im Bild

Der Antisemitismus in nationalsozialistischen Fotoreportagen

350 Seiten, 121 Abb.
ISBN 978-3-86854-325-4
Erschienen September 2018

Zum Buch

Zensur, Repression und Kontrolle – Mit den Bildreportagen in NS-Zeitungen richtet Harriet Scharnberg den Fokus auf eine Dimension antisemitischer Politik, die bisher nicht systematisch untersucht wurde.

Der Fotojournalismus befand sich in seiner ersten Blütezeit, als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht gelangten. Bilder eroberten die Tages- und Wochenzeitungen. Die Illustrierten, die wichtigsten Medien des fotojournalistischen Diskurses, erreichten ein Millionenpublikum. Die Nationalsozialisten richteten eine Bildpresselenkungsstelle ein und nutzten die Bilder für eine gezielte Bildpolitik.

Harriet Scharnberg konzentriert sich in ihrer Analyse auf die »Judenfrage« und zeigt an vielen Beispielen, wie die NS-Bildpresse verschiedene Visualisierungsstrategien entwickelte, um abzuwiegeln, zu täuschen und zu verzerren.

AutorIn/Hg.

Harriet Scharnberg

hat Geschichte und Politikwissenschaft in Hamburg und Torun (Thorn) studiert. Sie ist eine Spezialistin für historische Fotografien.

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Inhalt

Einleitung    7

I Die Bildpresse    27
»Gleichschaltung« 1933/34    37
Verbreitung und Reichweite    41
Produktion und Lenkung    56
Idealbildpolitik    91

II Bildhorizonte der »Judenfrage«:
Präsentations- und Rezeptionskontexte
    100
Kontrastierung: Selbst- und Fremdbilder    103
Tradierung: Stereotype Verweise    121
Komplementierung: »Judenfrage«, »Weltjudentum« und Jischuw    144

III Die »Judenfrage« in der NS-Bildpresse    188
Vom Aprilboykott zur »reinlichen Scheidung«:
Die »Judenfrage« vor dem Pogrom    190
November 1938    210
Polen 1939    248
Die »Judenfrage« im Jahr 1940    280
Vom »jüdischen Slum« zum »jüdischen Staat«:
Das Ghetto (1939–1941)    319
»Judas Krieg«. Die NS-Bildpresse und
die »Endlösung der Judenfrage«    360

Fazit    394

Anhang    408
Abkürzungsverzeichnis    408
Verzeichnis benutzter Archive und Bestände    410
Bibliografie    411
Verzeichnis publizierter Quellen und Quelleneditionen    434
Filmverzeichnis    438
PK-Fotografie im Ghetto    438

Leseprobe

Einleitung

Wenn wir heute das Titelbild der am 5. Dezember 1940 erschienenen Berliner Illustrierten Zeitung betrachten, dann verrät uns höchstens ein kleines Detail, nämlich die am rechten Arm des Delinquenten schwach zu erkennende Armbinde, dass es sich bei dem abgeführten Mann um einen Juden handelt. Für zeitgenössische Leser_innen war das anders. Auch bei flüchtigem Blick erkannten sie in dem Mann sofort einen Juden. Denn die Bildsprache des Titelbildes orientierte sich eindeutig an der Ikonografie damals geläufiger antisemitischer Stereotypen: Der geschulterte Sack stand geradezu als Sinnbild für den jüdischen Händler oder Hamsterer, für den Ewigen Juden, der rastlos umherstreicht und sich an anderen bereichert.

Fotografien und Fotoreportagen dieser Art fanden sich in der nationalsozialistischen Bildpresse häufiger. Sie informierten über die sogenannte »Judenfrage«, gaben ihr ein Gesicht und thematisierten die von ihr angeblich ausgehenden Gefahren. So folgte dem Titelbild der Berliner Illustrierten Zeitung eine mehrseitige Reportage über Alltag und Kriminalität Im Ghetto von Lublin. Sie führte in unterirdische Kellersysteme, wo angeblich jüdische Schwarzhändler im Verborgenen ihre Waren horteten. Auch hier werden antisemitische Stereotype aktiviert, angebliche jüdische Kriminalität und unsolidarische Profitgier auch auf Kosten der (hier polnischen) Kriegsgesellschaft vorgeführt.

Viele Menschen sahen damals diese Bilder: Die BIZ druckte bei Erscheinen dieser Ausgabe gerade ihre bis dato größte Auflage seit Gründung des Blattes. Knapp 3 Millionen Exemplare des Hefts verkaufte der Verlag; über 15 Millionen Deutsche blätterten die Ausgabe durch. Klar ist: Die Vorstellungen, die sich die Deutschen über die Juden im besetzten Polen machten, wurden von solchen Reportagen beeinflusst. Fakt ist aber auch, das wir nicht das Gleiche sehen, wenn wir heute dieselbe Zeitung zur Hand nehmen und dieselben Bilder betrachten, da wir sie vor dem Hintergrund anderer Kontexte wahrnehmen.

Dieses Buch beschäftigt sich damit, wie die »Judenfrage« in der nationalsozialistischen Bildpresse verhandelt wurde. Es interessiert sich dabei vor allem für die Bilder und zielt insbesondere darauf ab, deren zeitgenössische Bedeutung zu rekonstruieren.

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Termine

Köln, Universität Köln, 31. Oktober 2018

Harriet Scharnberg: Die »Judenfrage« im Bild
Der Antisemititsmus in nationalsozialistischen Fotoreportagen

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