Christian Joppke

Der säkulare Staat auf dem Prüfstand

Religion und Politik in Europa und den USA

Aus dem Englischen von Gabriele Gockel/Sonja Schuhmacher
350 Seiten
ISBN 978-3-86854-320-9
Erschienen September 2018

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Die muslimische Migration in Europa und der wachsende Einfluss der »Christlichen Rechten« in den USA stellen parallele Herausforderungen für den säkularen Staat auf beiden Seiten des Nordatlantiks dar, so der Befund des Soziologen Christian Joppke. Wie kann der Staat sich von Religion freihalten, ohne das Recht auf Religionsfreiheit anzutasten – insbesondere, wenn Religion gegen die Grundsätze des liberalen Staates verstößt, wie etwa gegen Menschenrechte und Gleichbehandlung?

In seiner aufschlussreichen und provokativen Studie beschreibt der Autor sowohl auf politischer wie rechtlicher Ebene die Probleme, die sich westlichen säkularen Staaten durch das Comeback von »öffentlicher Religion« stellen.

AutorIn/Hg.

Christian Joppke

ist Professor für Soziologie an der Universität Bern und Honorarprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Aarhus.

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Inhalt

Vorwort zur deutschen Ausgabe    7

Religion als Struktur und Akteurin    15

1 Religion in Soziologie und Politikwissenschaft    21
   Religion, Politik, säkularer Staat: eine Einführung    21
   Religiöse Evolution    26
   Religion als Irrtum: Marx und Freud    32
   Klassische Religionssoziologie: Émile Durkheim und Max Weber    41
   Nach den Klassikern: Säkularisierung und Probleme der
   Definition und Abgrenzung des Religiösen    64
   Religion und Politik: historisch und phänomenologisch    72

2 Säkularisierung und der lange Rückzug des Christentums    81
   »Säkularisierung« als umstrittener Begriff    81
   Die christlichen Ursprünge der Säkularisierung    90
   Kein Dunkles Zeitalter: das christliche Europa des Mittelalters    110
   Die protestantische Reformation    116
   Varianten der Säkularisierung    131
   Fazit    150

3 Herausforderung für den säkularen Staat (I)
   Die Christliche Rechte in Amerika    153
   Rechtlicher Säkularismus    163
   Der Aufstieg der Christlichen Rechten    179
   Auf dem Weg zur rechtlichen Theokratie?    194
   Fazit    221

4 Herausforderung für den säkularen Staat (II)
   Der Islam in Europa    225
   Zwei Zivilisationen    234
   Der Diskurs der islamischen Elite:
   europäische Muslime als »Minderheit« oder als »Bürger«    243
   Das Paradox des Liberalismus    260
   Ungeklärte Fragen: Frauen, Nichtmuslime, Rechte    263
   Die Ansichten europäischer Muslime: »Demos« versus »Eros«    272
   Warum es kein »Eurabia« geben wird    279
   Scharia im Westen?    281
   Fazit    293

5 Islam und Christentum im säkularen Staat    301
   Das islamische Kopftuch    303
   Das christliche Kruzifix    307
   Das unauflösbare Dilemma: Religion versus Liberalismus    318
   Viel Gerede ums Recht … und wo bleibt die Politik?    325

Bibliografie    329

Leseprobe

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Im gedrängten Markt gelehrter Abhandlungen über »Religion und Politik « verfolgt das vorliegende Buch eine doppelte Ambition. Gegenwartspolitisch geht es darum, die vieldiskutierte »Rückkehr der Öffentlichen Religion« einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, zumindest was die entwickelten Gesellschaften der nordatlantischen Zone betrifft. Die Tatsache, dass die Forderungen der Christlichen Rechten in den Vereinigten Staaten und die der islamischen Einwanderer in Europa, von denen zwei zentrale Kapitel dieses Buches handeln, zumeist im Medium des Rechts und nicht der Politik (der Straße) ausgetragen werden, unterstreicht die gefestigten, höchstens am Rande berührten Konturen des säkularen Staates auf beiden Seiten des Nordatlantiks. Die aufgeregte Rede von der Rückkehr der öffentlichen Religion ist schon deshalb problematisch, weil sie zweierlei Maß anlegt – sie wird in der Regel gutgeheißen, solange es sich um die Forderungen von Minderheitenreligionen (besonders des Islam) handelt, aber an den Pranger gestellt, sobald es die Rückkehr der Mehrheitsreligion sein soll. Das Hauptproblem aber ist: die Hypostasierung der öffentlichen Religion übersieht, dass (trotz der gegenteiligen Behauptung von Casanova) »Privatisierung« und »Niedergang« der Religion immer noch die dominante Realität für die Mehrheit sind und zum Kern des Säkularisierungsphänomens gezählt werden müssen. Nicht zuletzt aus diesem Grund leben wir in den sicheren und freien Wohlstandsgesellschaften, die – der Kompass der globalen Flüchtlingsströme bestätigt es – für den Rest der Menschheit von großer Attraktivität sind.

Die Ambition dieses Buches geht aber darüber hinaus, die gegenwärtigen Herausforderungen an den säkularen Staat transatlantisch zu beleuchten. Vielmehr wird versucht, die Phänomene »Religion« und »Politik« (bzw. »Staat« als den typischen Ort der Politik) überhaupt in Bezug zu setzen. Bei organisierter Religion und Staat handelt es sich um rivalisierende Autoritätssysteme, also Systeme der umfassenden Regulierung menschlichen Verhaltens, die besonders in der europäischen Geschichte die intimsten, aber auch höchst spannungsreiche und unterschiedliche Beziehungen und Trennungsbemühungen eingegangen sind bzw. unterhalten haben. Dieses weitere Interesse bedingt Ausflüge in die klassische Religionssoziologie und -wissenschaft, von Marx über Freud bis zu Durkheim, Weber und Rudolf Otto, zur Klärung der Frage, wie Religion am besten zu begreifen ist, wenn ihr Verhältnis zu Politik und Staat geklärt werden soll.

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